15 Jahre Vocalconsort Berlin - Die Konzertreihe

PRINZIP HOFFNUNG?

„Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt“. Dieser Aphorismus gibt den Tenor der Jubiläumsreihe des Vocalconsort Berlin vor. Angesichts von antiutopischen Realitäten, wie Klimakatastrophen oder Fukushima, Paradise Papers oder Millionen Menschen auf der Flucht, fragt sich, worauf kann man hoffen? Heißt hoffen gestalten oder abwarten? Wie viel Schuld nimmt man auf sich für die Hoffnung auf ein Jenseits, auf ein „das wird schon“? Was heißt Hoffnungslosigkeit? Hoffnungsverlust? 5 Konzerte und 1000 Fragen.
Dabei wird der Bogen von musikalischen Reflexionen bzw. Deutungen der christlichen Passions- und Heilsgeschichte, religiöse Quelle der Hoffnung, bis zum Verlust von Hoffnung in Gedichten von Celan und in der Schubertschen Winterreise gespannt.
Spiegel der enormen Bandbreite des Ensembles reicht das musikalische Spektrum vom Barock über die Romantik bis zur Klassik der Moderne und neuester Musik, vom klassischen Konzert zur Inszenierung, vom sakralen Werk zum weltlichen Lied: Es feiert das Vocalconsort Berlin! 

Die Konzertreihe wird gefördert aus den Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Berliner Chorförderung. 


Die Konzerte:

Konzert I
Figure Humaine, 16.8.18, Parochialkirche Berlin

Auftakt und Bekenntnis! Im Programm „Figure humaine“ steht neben Ligetis Lux aeterna, Vasks Ziles Zina u.a. das titelgebende Werk von Francis Poulenc im Zentrum: Als Akt des Widerstands und der Hoffnung 1943 im nationalsozialistisch besetzten Frankreich komponiert, verarbeitet die 12-stimmige, doppelchörige Kantate Kriegsschrecken und Unterdrückung, um in eine Hymne auf die Freiheit zu gipfeln: „Ich bin geboren, um dich zu kennen, um dich zu nennen – Liberté“.

Camille Saint-Saëns (1835-1921): Calme de nuits (1882)
György Ligeti (1923-2006): Lux Aeterna (1966)
Richard Wagner (1813-1883)/Clytus Gottwald (*1925): Im Treibhaus (1857/2004)
Pēteris Vasks (*1946): Ziles Zina (1981)
Francis Poulenc (1899-1963): Figure humaine (1943)

Dirigent: Marcus Creed
Dramaturgie, Choreografie: Jochen Sandig
Licht: Arnaud Poumarat
Besetzung: 37 Sänger*innen


Konzert II 
Der Tod ist eine Blume, 2.11.18, Silent Green, Berlin

„Dass Paul Celan nach seiner schrecklichen Vergangenheit überhaupt Gedichte geschrieben hat, erkenne ich als einen Brunnen von Hoffnung in das Leben“, schreibt der in Frankreich geborene ungarisch-deutsche Komponist Matthias Kadar. Seine Vertonungen von Paul Celans Gedichten werden zusammen mit Schuberts Winterreise in einer Bearbeitung von David Cavelius für einen 16-köpfigen Männerchor aufgeführt. Benennt Kadars Liedzyklus "Der Tod ist eine Blume" die Antipoden der lyrischen Welt von Paul Celan von Hoffnung und Verzweiflung, von den frühen, dunklen Gedichten und Liebeslyrik, so taumelt Schuberts Wanderer zwischen Euphorie und Verzweiflung und endet in unendlicher Hoffnungslosigkeit.

Matthias Kadar (*1977): Der Tod ist eine Blume (Uraufführung) Vertonungen von Gedichten von Paul Celan
Franz Schubert (1797-1828): Winterreise, bearbeitet für 16 Männerstimmen und 5 Streicher von David Cavelius (Uraufführung)

Leitung: David Cavelius
Solistenensemble Kaleidoskop
Besetzung: 24 Sänger*innen


Konzert III
Passion, 1.12.18, Elisabethkirche Berlin

„My only hope is you“ lautet der Schlussakkord in Davids Langs Solitary. Es ist seine Interpretation der alttestamentarischen Klagelieder als Anklage und Appell zugleich, dass “all the horrible things ... will happen to us if we don’t change ourselves”. Das Werk erklingt zusammen mit seiner Bearbeitung von Christian Andersens Märchens Das Mädchen mit den Streichhölzern.  Versiert in der klassischen Tradition und geprägt vom Minimalismus und experimenteller Musik versteht der US-amerikanische Komponist seine Interpretationen literarischer Vorlagen als Kommentare zur Gegenwart.

David Lang (*1957): The little match girl passion (choral version 2008) Text von David Lang (nach H.C. Andersen, H.P. Paulli, Picander und Matthäus) 
Josquin Desprez (1450-1521): Miserere
David Lang: Solitary (2016) für Kammerchor (Deutsche EA)

Leitung: Daniel Reuss
Besetzung: 16 Sänger*innen, kleines Schlagwerk


Konzert IV
Alfabet, 21.2.19, Radialsystem V, Berlin

“die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“. Mit einem einzeiligen Vers zum Buchstaben A beginnt das Gedicht "alfabet" der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. Es endet mit 610 Zeilen zum Buchstaben N. Der Berliner Komponist Frank Schwemmer vertont das einmalige Werk, das einer strengen mathematischen und alphabetischen Ordnung folgt. Jeder Abschnitt des Gedichts ist einem Buchstaben zugeordnet und der wiederum einer Stelle in der Fibonacci-Reihe, einer mathematischen Formel für Wachstum, die hier bestimmt, wie viele Zeilen die Strophe hat. Mit Hilfe dieser Doppelkonstruktion und klanglicher Muster benennt und ordnet es Dinge und versichert sich so derer Existenz, denn “die wasserstoffbombe gibt es / ein gebet darum zu sterben /wie man zu sterben pflegt / eines tages bei gewöhnlichem / wetter... “  Beim Buchstaben N, dem alphanumerischen Zeichen für einen offenen, unbekannten Wert, bricht das Gedicht sprechenderweise ab.
Der Berliner Komponist und Sänger Frank Schwemmer wird im Auftrag des Vocalconsort Berlin Auszüge des Langgedichts von Inger Christensen in Ton setzen. Seine „sinnhaft sinnliche Musiksprache“ (Tim Georgi) macht Frank Schwemmer zu einem kongenialen Partner für die Vertonung von Inger Christensens Lyrik und für das Vocalconsort Berlin.

Frank Schwemmer (*1961):  Alfabet (AT) Vertonungen des Gedichts Alfabet von Inger Christensen (Uraufführung)
Dirigent: Ralf Sochaczewsky
Besetzung: 20 Sänger*innen, Schlagwerk 


Konzert V
Die Johannespassion, 22.3.19, Radialsystem V, Berlin

Was wäre eine Jubiläumsreihe des Vocalconsort Berlin ohne Bach und ohne eine Inszenierung? Im letzten Konzert der Reihe gibt es beides. Als Drama in Szene gesetzt stellt sich Johann Sebastian Bachs Johannespassion in einer so ungewöhnlichen, wie naheliegenden Perspektive dar. Mit der Frage nach der Rolle der Gesellschaft im Zentrum zeigt sich die Leidens- und Heilsgeschichte heutiger und brisanter denn je.  Bach erzählt nicht allein die Leidensgeschichte Jesu von der Gefangennahme bis zur Grablegung, sondern ein klassisches, gesellschaftliches Drama, das auf andere Situationen übertragen so auch heute noch stattfinden könnte bzw. stattfindet. Bach verwendet dafür Bibeltexte, fügt aber Musikstücke hinzu, die Texten freier Dichtung folgen, um das vorgestellte biblische Geschehen zu deuten, zu vertiefen und auf die gegenwärtige Situation der glaubenden Gemeinde hin auszulegen: Aufgebrachte Hohepriester, die geifernde Masse, die erschrocken reflektierende Gemeinde kommen hier ebenso zu Wort wie der zweifelnde Pilatus, der reuevolle Petrus. Die das Geschehen kommentierenden Texte evozieren Empathie und Reflektion seitens des Hörers. Der Rezipient wird als Zeuge und Angeklagter, aber auch als Objekt der Erlösung angesprochen. Die Konzertaufstellung lenkt den Fokus auf das Publikum als Teil des Geschehens. Dafür wird die Trennung von Bühne und Publikum aufgehoben. Chor und Orchester sitzen in der Mitte des Publikums, das sich auf zwei gegenüberliegenden Tribünen verteilt. Es gibt zunächst keine als solche erkennbaren Solisten außer dem Evangelisten. Aus der Mitte heraus bezieht er Publikum und den zweigeteilten Chor in die Erzählung ein. Die Solisten mischen sich wie zufällig nach und nach mit ihren kommentierend-reflektierenden Arien ein.  

Dirigent: Marcus Creed
Dramaturgie: Folkert Uhde

Evangelist: Holger Marks
Pilatus: Clemens Heidrich
Continuum, Elina Albach
Besetzung: 16 Sänger*innen, Solisten aus dem Chor, Laiensänger